Alle Research-Artikel

EUDR Supply-Chain Intelligence

EUDR ohne Bauchgefühl

Wie eine auditierbare Risk-Maske pro Pixel funktioniert

Drei-Panel-Visualisierung der EUDR-Zwei-Masken-AND-Operation über einer 33×33-km-AOI um Soubré in Côte d'Ivoire. Panel 1 zeigt eine echte Sentinel-2-RGB-Aufnahme mit dem Smallholder-Mosaik aus Wald- und Plantagenflächen. Panel 2 fügt die Hansen-Wald-Verlust-Pixel als gelbe Cluster hinzu. Panel 3 ergänzt den lila Schleier der FDP-Kakao-Wahrscheinlichkeit sowie die rote UND-Verknüpfung beider Masken.
Plot 1. Drei Layer auf einer realen Sentinel-2-Szene um Soubré (CIV). Hansen-Wald-Verlust und FDP-Kakao-Wahrscheinlichkeit gemeinsam, die UND-Verknüpfung in Rot. Die meisten Anbieter liefern nur Maske A, die EUDR verlangt beides UND die Verknüpfung. Quelle: myBytes Satelliten-Monitoring, abgerufen 8. Juni 2026.

Am 18. Dezember 2025 hat der Rat der EU die zweite Verschiebung der Entwaldungsverordnung (Pressemitteilung des Rates) formell beschlossen. Sechs Monate vor dem neuen Stichtag für Großbetriebe und zwölf Monate vor dem KMU-Stichtag ist die EUDR damit wirklich verbindlich geworden. In den Anbieter-Gesprächen, in die wir seit Anfang 2026 eingebunden sind, zeigt sich eine Trennlinie: Anbieter, die ihre eigene Methodik schriftlich darlegen können, und Anbieter, die im Wesentlichen Karten produzieren.

Dieser Artikel beantwortet die Frage, die jede Einkaufs-, Compliance- und Risk-Verantwortung derzeit stellen muss: Welche EUDR-Risk-Definition ist überhaupt auditierbar? Beschrieben wird die einfachste tragfähige Antwort, eine Zwei-Masken-AND-Operation, die jeden Risiko-Pixel auf zwei öffentliche Datenebenen zurückführt. Belegt wird das Verfahren an zwei realen westafrikanischen Beispielregionen, an einem konkreten Audit-Trail-Format und an einem Companion Repository, in dem die ganze Operation durch eine externe Person nachgerechnet werden kann.

1 · Was die EUDR tatsächlich verlangt, und was Anbieter oft daraus machen

Die Verordnung (EU) 2023/1115 gibt drei zentrale Pflichten vor, die jeden Operator binden, der eine der sieben relevanten Commodities (Kakao, Kaffee, Palmöl, Soja, Kautschuk, Holz, Rind) auf den EU-Markt bringt:

  • Artikel 2 definiert das Cut-off-Datum: nach dem 31. Dezember 2020 darf auf der Anbaufläche keine Entwaldung stattgefunden haben.
  • Artikel 9 verlangt die Geolokation jeder Anbau-Parzelle.
  • Artikel 10 verlangt eine dokumentierte Risikobewertung pro Parzelle, die ein vernachlässigbares Nicht-Konformitätsrisiko darstellt.

In der Praxis trifft diese Pflicht auf einen Anbieter-Markt, der derzeit vorwiegend zwei Vereinfachungen anbietet. Die erste ist „nur Maske A“. Anbieter rendern Hansen-Forest-Loss-Karten und melden Pixel mit lossyear ≥ 2021 als Risiko. Das produziert systematisch falsch positive Klassifikationen, weil ein verlorener Naturwald-Pixel kein EUDR-Risiko darstellt, solange er heute nicht für die im Scope befindliche Commodity genutzt wird. Die zweite ist „nur Zertifikat“. RSPO-, Rainforest-Alliance- oder Fairtrade-Audits werden als Konformitätsbeweis akzeptiert. Diese sind wertvolle Sozial- und Sustainability-Standards, aber sie sind keine Geo-Beweise im Sinne von Artikel 9 + 10.

Die EUDR verlangt beides: eine Aussage über die Geschichte der Fläche und eine Aussage über ihre heutige Nutzung. Erst die Verknüpfung beider Aussagen ist eine Risk-Definition, die ein Auditor anschauen, prüfen und akzeptieren kann.

1.5 · Wenn der Erstinverkehrbringer fällt, fallen die Abnehmer mit

Die zweite Verschiebungs-Revision vom Dezember 2025 hat eine zusätzliche Vereinfachung eingeführt: nur der Erstinverkehrbringer des relevanten Produkts auf dem EU-Markt trägt die Due-Diligence-Statement-Pflicht (EU-Parlament, 17. Dezember 2025). Nachgelagerte Operatoren und Händler sind administrativ entlastet.

Diese Vereinfachung schützt nachgelagerte Abnehmer in allen sieben EUDR-Commodity-Ketten nicht vor den kommerziellen Folgen, sondern verlagert das Risiko nur in andere Kanäle:

  • Eine Sanktion gegen den Erstinverkehrbringer nach Artikel 24 schließt das Inverkehrbringen der betroffenen Ware. Beim Abnehmer kommt dann ein Lieferausfall an, auch wenn er formal nichts falsch gemacht hat.
  • Presse- und NGO-Berichterstattung nennt typischerweise nicht den anonymen Importeur, sondern die bekannte Konsumenten-Marke. Die Mighty-Earth-Cocoa-Belt-Berichtsreihe seit 2017 zeigt das Muster im Kakao-Sektor recht eindeutig. Analoge Reihen existieren für Palmöl, Soja, Rind und Holz: jede der referenzierten Schlagzeilen verbindet Entwaldungs-Befunde direkt mit der bekannten Konsumenten-Marke, nicht mit den dazwischen liegenden Importeuren.
  • Liefer- und Abnahmeverträge mit dem Erstinverkehrbringer müssen klären, wer das Sanktionsrisiko juristisch trägt. Das ist in den uns bekannten Standardverträgen selten eindeutig geregelt.
  • Eine Compliance-Knappheits-Prämie ist plausibel, aber noch Hypothese. Analog zu den Sustainability-Premium-Effekten, die Bunn et al. 2015 in Climatic Change für klima-zertifizierten Kaffee dokumentieren, ist zu erwarten, dass konformer Kakao nach den ersten Sanktionsfällen ein knapperes Gut wird und die Premium beim Abnehmer ankommt. Empirisch belastbar ist das noch nicht, weil das Stichtags-Fenster offen ist (vgl. Limitations-Sektion).
  • Parallel dazu läuft die Sorgfaltspflichten-Richtlinie weiter, in ihrer 2026er Omnibus-Fassung. Die ursprüngliche Richtlinie (EU) 2024/1760 wurde am 26. Februar 2026 durch die Omnibus-Richtlinie (EU) 2026/470 vereinfacht und verschoben: Transposition bis 26. Juli 2028, Anwendung ab 26. Juli 2029, Schwellen auf über 5.000 Mitarbeiter und über 1,5 Mrd. EUR Umsatz. Für Unternehmen in dieser Schwelle bleibt die Sorgfaltspflicht zur Risiko-Identifikation in der Wertschöpfungskette bestehen, unabhängig von der EUDR-Erstinverkehrbringer-Allokation. Wer im EUDR-Scope und im CSDDD-Scope liegt, ist faktisch doch in der Pflicht.
  • Trade-Credit-Versicherer wie Atradius und Allianz Trade sowie Supply-Chain-Finance-Anbieter haben ESG- und Compliance-Klauseln in Kreditbedingungen in den letzten Jahren zunehmend etabliert. EUDR-Konformität wird perspektivisch Teil dieser Klauseln. Die genaue Diffusion über Marktteilnehmer ist Marktpraxis, aber öffentlich-systematische Empirie liegt dazu nicht vor.

Die methodische Konsequenz ist eindeutig. Die Vereinfachung konzentriert das Risiko auf einen einzelnen Knotenpunkt, den Erstinverkehrbringer. Das macht den Abnehmer paradox abhängiger davon, dass dieser eine Knoten methodisch sauber arbeitet. Wer es nicht prüfen kann, prüft den eigenen Lieferausfall-Schock im Nachhinein.

2 · Die Zwei-Masken-Operation

Die einfachste mögliche EUDR-Risk-Definition besteht aus zwei Boolean-Masken und einer logischen UND-Verknüpfung.

2.1 · Maske A, historischer Wald-Verlust nach Cut-off

Das Hansen Global Forest Change-Produkt (Hansen et al. 2013, Science) veröffentlicht ein annually aktualisiertes Raster mit dem Jahr des Wald-Verlusts pro 30-Meter-Pixel plus eine Wald-Baseline-Ebene, die pro Pixel die Baumbedeckung im Jahr 2000 in Prozent angibt. Beide Bänder werden für die EUDR-relevante Aussage gebraucht. Maske A wählt Pixel, deren Baumbedeckung im Jahr 2000 mindestens 30 % betrug und die seit 2021 als Wald-Verlust verbucht sind.

Sentinel-2-RGB-Aufnahme der Soubré-AOI mit gelben Hansen-Wald-Verlust-Patches als Maske-A-Overlay. Die gelben Cluster zeigen das Smallholder-Muster der westafrikanischen Cocoa-Belt-Region.
Maske A auf der realen Soubré-Szene. Gelb markierte Pixel haben treecover2000 ≥ 30 % UND lossyear ≥ 2021.

Hansen kodiert das Jahr 2000 + k als ganzzahliges k. Die Bedingung wählt Pixel, die 2000 Wald waren und seit 2021 Wald verloren haben. Der Wald-Baseline-Filter ist nicht optional, ohne ihn würde die Maske auch Verlust von Savannen, Cropland oder bebauten Flächen als „Entwaldung“ zählen, was die EUDR ausdrücklich nicht meint.

Hansen ist nicht perfekt, er misst Baumkronen-Verlust, nicht notwendigerweise Entwaldung im juristischen Sinn. Aber er ist die Quelle, die jeder Auditor kennt, und er ist öffentlich.

2.2 · Maske B, heutige Plantage mit Wahrscheinlichkeit über Schwelle

Für Kakao in Westafrika ist die maßgebliche Plantation-Probability-Ebene das Forest-Data-Partnership-Cocoa-Modell 2025a, gehostet auf Google Earth Engine unter projects/forestdatapartnership/assets/cocoa/model_2025a. Das FDP-Modell baut auf der Methodik von Kalischek et al. 2023, Nature Food auf und wird als separat gepflegter Google-Asset bereitgestellt. Maske B wählt Pixel, deren FDP-Kakao-Wahrscheinlichkeit P den Schwellenwert τ erreicht oder überschreitet.

Sentinel-2-RGB-Aufnahme der Soubré-AOI mit lila Schleier als Maske-B-Overlay. Der lila Bereich zeigt, wo das FDP-Cocoa-Probability-Modell den Pixel mit P ≥ 0,50 als Kakao-Plantage klassifiziert.
Maske B auf derselben Szene. Lila-Schleier markiert FDP-Wahrscheinlichkeit ≥ 0,50, das Standard-τ unseres Monitorings.

mit τ = 0,50 als Standardwert unseres Satelliten-Monitorings.

Analoge Plantation-Probability-Ebenen existieren für die anderen sechs EUDR-Commodities. Soja über MapBiomas + Trase in Brasilien, Palmöl über die Beiträge von Gaveau et al. und Descals et al., Holz und Rind über FAO Forest Resources Assessment-Anbindungen.

Die Wahl von τ ist eine bewusste Entscheidung, keine Naturkonstante. Wer τ unbenannt lässt, hat keine wissenschaftliche Methodik, sondern einen versteckten Hebel. Ein seriöses Monitoring muss τ gegen unabhängige Ground Truth nach Olofsson et al. 2014 RSE kalibrieren und eine Sensitivity-Analyse über τ-Bereiche publizieren.

2.3 · Die UND-Operation

Der EUDR-Risiko-Pixel ist genau dort definiert, wo Maske A und Maske B gleichzeitig zutreffen, also wo seit 2021 Wald-Verlust auf einem Pixel eingetreten ist, das heute als Kakao-Plantage gilt.

Sentinel-2-RGB-Aufnahme der Soubré-AOI mit gelben Hansen-Pixeln, lila FDP-Schleier und roten Pixeln dort, wo beide Masken gleichzeitig zutreffen. Die roten Pixel sind die eigentlichen EUDR-Risiko-Flächen.
UND-Verknüpfung beider Masken auf derselben Szene. Die roten Pixel sind das, was die EUDR als Risiko bewertet, sichtbar pro 10 × 10 m und reproduzierbar aus zwei öffentlichen Layern.

Das ist die ganze Operation. Die methodische Substanz liegt nicht in algorithmischer Komplexität, sondern in der pro-Pixel-Auditierbarkeit, die aus dieser Trivialität folgt. Jeder als Risiko klassifizierte Pixel trägt zwei rekonstruierbare Werte: die Hansen-Jahresangabe und den Probability-Wert der Plantagen-Ebene.

2.4 · Die Verallgemeinerung jenseits Kakao

Dieselbe Zwei-Masken-Operation gilt für alle sieben EUDR-Commodities. Maske A bleibt unverändert. Hansen ist commodity-agnostisch. Maske B wird durch die jeweilige Plantation-Probability-Ebene ersetzt. Für Soja in Brasilien beispielsweise ist die Substitution geradlinig: MapBiomas liefert die Land-Cover-Klassifikation, das Soja-Moratorium von 2006 bildet einen historischen Cut-off-Anker, der parallel zum EUDR-Cut-off funktioniert.

Was nicht funktioniert, ist ein Monitoring, das nur für Kakao parametrisiert wurde, als universale Lösung zu vermarkten. Maske B ist commodity-spezifisch; das muss in der Methoden-Dokumentation explizit stehen.

3 · Auditierbarkeit, nicht Karten-Schönheit

Eine Karte ist ein Visualisierungs-Format. Sie ist nicht das Audit.

Horizontaler Balken-Vergleich zweier westafrikanischer Cocoa-Belt-Regionen. Soubré CIV mit Smallholder-Mosaik und 2,74 Prozent Risiko-Anteil; Sefwi-Wiawso GHA mit kommerziellen Großbetrieben und 6,05 Prozent Risiko-Anteil. Grün dargestellt die EUDR-konforme Plantage, rot die EUDR-Risiko-Fläche.
Plot 2. Sefwi-Wiawso hat mehr als doppelt so viel EUDR-Risiko-Fläche pro Plantagen-Hektar wie Soubré und eine völlig andere räumliche Topologie.

Ein Audit-tragfähiger EUDR-Output muss drei Aussagen-Schichten gleichzeitig liefern, und alle drei sind durch unsere Zwei-Masken-Operation direkt ableitbar:

Auf Pixel-Ebene. Jeder als Risiko klassifizierte Pixel referenziert einen konkreten Hansen-lossyear-Wert, eine konkrete GFC-Tile-ID, einen konkreten Probability-Wert der Plantagen-Ebene und das verwendete τ. Diese fünf Werte reichen aus, damit eine externe Prüferin die Berechnung nachvollzieht, ohne sich auf die Software eines Anbieters verlassen zu müssen.

Tabelle mit fünf Beispiel-Pixeln aus einer realen Soubré-AOI: Spalten lat, lon, lossyear, gfc_tile_id, plantation_probability, plantation_layer_id, threshold_tau. Jede Zelle aus einer öffentlichen Datenquelle rekonstruierbar.
Plot 3. Jede Zeile rückverfolgbar auf einen öffentlichen Quell-Datensatz. Das ist der Unterschied zur schönen Karte.

Auf Lieferpolygon-Ebene. Aggregiert man die Pixel über das vom Lieferanten angegebene Geo-Polygon, bekommt man einen Anteil und eine Absolutfläche der EUDR-Risiko-Pixel innerhalb dieser Liefereinheit. Genau das verlangt Artikel 10: einen dokumentierten, quantitativen Risk-Wert pro Anbau-Parzelle. Methodisch sauber wird das erst mit zwei statistischen Zusätzen, nämlich der τ-Sensitivity und der Olofsson-konformen Konfidenzintervall-Berechnung.

Auf Regions-Ebene. Aggregiert man weiter über alle Polygone einer Region, ergibt sich eine Branchen-Benchmark. Wer in Hochrisiko-Regionen einkauft, hat höhere Mengen unauditierter Lieferketten und ein höheres Reputations-Erwartungs-Risiko. Plot 2 zeigt das Bild für Soubré und Sefwi-Wiawso aus unserem Satelliten-Monitoring der Cocoa-Belt-Regionen mit Stand 8. Juni 2026 auf realen Hansen-GFC-v2025_v1_13- und FDP-Cocoa-Probability-2025a-Layern. Die beiden Regionen unterscheiden sich nicht nur in der Risiko-Quote, sondern in der räumlichen Topologie. Soubré ist Smallholder-Mosaik mit vielen kleinen verstreuten Loss-Patches, Sefwi-Wiawso ist Großbetriebs-Belt mit kommerziellen Block-Strukturen und entsprechend höherer RADD-Alert-Dichte in den letzten Monaten.

Um zu diesen Aussagen zu kommen, haben wir bei myBytes ein konkretes Experiment durchgeführt: zwei 33 × 33 km große AOIs in der westafrikanischen Kakao-Belt-Region, zentriert auf Soubré in Côte d'Ivoire und Sefwi-Wiawso in Ghana, gegen die öffentlich verfügbaren Hansen-GFC-v2025_v1_13- und FDP-Cocoa-Probability-2025a-Layer ausgewertet, die Zwei-Masken-Operation mit τ = 0,50 und treecover2000-Threshold 30 % angewendet, und das Ergebnis als auditierbare Snapshot-CSVs persistiert. Der vollständige Code, die exakten Asset-Pfade auf Google Earth Engine und die Reproduktions-Notebooks liegen im Companion Repository github.com/myBytesResearch/eudr-risk-pipeline. Ein assert-Block in notebooks/00_reproduce_article_numbers.ipynb prüft beim Reader-Lauf, ob die hier zitierten 2,74 % und 6,05 % aus dem Snapshot exakt reproduzieren, als Veröffentlichungs-Gate gegen Drift zwischen Artikel und Monitoring-Output.

4 · Was Maske A und Maske B nicht sehen. Limitations

Die Operation ist methodisch trivial. Ihre Robustheits-Grenzen sind nicht trivial, und sie müssen explizit benannt werden.

Wolkenbedeckung über tropischen Regionen. Optische Sentinel-2-Layers funktionieren in der westafrikanischen Cocoa-Belt-Region nur in einem Bruchteil des Jahres. Hansen löst das durch Multi-Jahres-Komposite, FDP durch Sentinel-1-SAR-Integration, beide Strategien haben dokumentierte Annahmen, die in einer Sensitivity-Analyse offen liegen müssen.

Schwellenwert-Sensitivität. Eine Verschiebung von τ um 0,05 kann die Risiko-Anteil-Aussage erheblich verschieben. Wer Plot 2 ohne Confidence-Band publiziert, hat die τ-Wahl nicht verteidigt. Eine seriöse Monitoring-Ausgabe muss τ-Sensitivity ausdrucken.

Smallholder-Polygon-Granularität. Eine Region-of-Interest-Aggregation über 33 × 33 km ist ein anderes statistisches Objekt als eine Lieferpolygon-Aggregation über 2 Hektar. Beide sind gültig, aber sie bedeuten unterschiedliches. Wer das nicht trennt, antwortet auf eine falsche Frage.

Forest-vs.-Plantation-Übergangs-Zonen. Falsch-positive Klassifikationen konzentrieren sich an den Rändern von Plantagen-zu-Naturwald-Übergängen. Eine IoU-Validation gegen die Kalischek-Karte an genau diesem Übergangs-Cohort ist Pflicht, nicht Kür.

Hansen-jährlich vs. RADD-wöchentlich. Maske A nutzt Hansen, weil Hansen die etablierte historische Referenz ist. Aber für die operative Frühwarnung sind Sentinel-1-SAR-RADD-Alerts (Reiche et al. 2021, ERL) um Größenordnungen aktueller. Ein vollständiges EUDR-Monitoring kombiniert beide und dokumentiert die Reconciliation-Regel.

Diese Punkte sind keine Schwächen, die die Methode unbrauchbar machen. Sie sind die Stellen, an denen ein Monitoring methodisch geprüft wird. Eine Methode, die ihre eigenen Grenzen nicht benennt, ist keine Wissenschaft, sondern Werbung.

5 · Die Bewertung umgekehrt: sechs Fragen, die Sie Ihrem Anbieter stellen müssen

Aus den vorigen Abschnitten lässt sich ein Bewertungs-Raster ableiten, das sich auf das eigene Monitoring, einen bestehenden Anbieter und einen neuen Pitch gleichermaßen anwenden lässt. Die Fragen sind keine Wunschliste, sondern Folgen der Zwei-Masken-Operation und der drei Aggregations-Ebenen:

  1. Welche Plantation-Probability-Ebene nutzt der Anbieter, und gegen welche Ground Truth ist diese Ebene mit IoU, Precision und Recall validiert?
  2. Welches τ wird verwendet, und welche Sensitivity-Range wird im Output gerendert?
  3. Wird ein Audit-Trail pro Pixel in das Due-Diligence-Statement exportiert, oder nur ein Aggregat-Score?
  4. Werden Hansen und RADD parallel ausgewertet, und wenn ja, welche Reconciliation-Regel wird bei Konflikt zwischen den beiden Quellen angewendet?
  5. Was passiert bei Wolkenbedeckung > 60 % über einer AOI? Wird die Berechnung degradiert, ausgesetzt, oder mit niedrigerer Konfidenz markiert?
  6. Ist das gesamte Monitoring reproduzierbar. Code, Daten-Versionen, Seeds, durch eine externe Prüferin in ≤ 6 Schritten?

Wer auf vier oder mehr Fragen keine schriftlich belegte Antwort liefert, ist nicht in der Lage, eine EUDR-Konformität zu garantieren, egal wie schön die Karten sind. Das ist das identische Bewertungs-Raster, das wir im Truth-Check-Protokoll auf jede AI-Forschungs-Veröffentlichung anwenden. Für EUDR-Anbieter gilt es exakt analog.

6 · Reading List & Companion Repository

Reading List (sieben Quellen, in dieser Reihenfolge):

  1. Verordnung (EU) 2023/1115, Amtsblatt der Europäischen Union L 150/206, 9. Juni 2023.
  2. EU-Parlament, Pressemitteilung 17. Dezember 2025, zweite Verschiebung + Vereinfachungen.
  3. Hansen et al. (2013), „High-Resolution Global Maps of 21st-Century Forest Cover Change“ Science 342 (6160), 850-853.
  4. Kalischek et al. (2023), „Cocoa plantations are associated with deforestation in West Africa“ Nature Food 4, 384-393.
  5. Reiche et al. (2021), „Forest disturbance alerts for the Congo Basin using Sentinel-1“ Environmental Research Letters 16.
  6. Olofsson et al. (2014), „Good practices for estimating area and assessing accuracy of land change“ Remote Sensing of Environment 148, 42-57.
  7. Richtlinie (EU) 2024/1760 (CSDDD), Amtsblatt der Europäischen Union, parallele Sorgfaltspflicht, in der durch die Omnibus-Richtlinie (EU) 2026/470 vom 26.02.2026 substantiell verschobenen und vereinfachten Fassung (Transposition 26.07.2028, Anwendung 26.07.2029, Schwellen über 5.000 MA und über 1,5 Mrd. EUR).

Companion Repository: github.com/myBytesResearch/eudr-risk-pipeline eine minimale, lauffähige Referenz-Implementation der Zwei-Masken-Operation und des Audit-Trail-Formats. Lizenz: MIT für Code, CC BY 4.0 für Inhalt. Forks und Pull Requests willkommen.

Schluss

Die EUDR ist keine technische Verordnung, die nach einer fertigen Anbieter-Lösung ruft. Sie ist eine Beweispflicht, die eine Methodik verlangt, die ein Auditor, ein Versicherer, ein Großhändler und eine NGO gleichzeitig akzeptieren können. Diese Methodik ist nicht kompliziert. Sie ist aber konsequent: zwei öffentliche Datenebenen, eine logische Verknüpfung, eine vollständige Audit-Trail-Dokumentation und drei genannte Aggregations-Schichten.

Wer das anbietet, betreibt ein EUDR-Monitoring. Wer Karten anbietet, hat einen Karten-Service. Beide haben einen Wert. Aber nur eines davon erfüllt die Verordnung.

Disclaimer

Dieser Beitrag fasst Verordnungen und Auslegungen so zusammen, wie der Autor sie nach eigener Recherche und nach Stand vom Juni 2026 versteht. Er ersetzt keine rechtliche Beratung. Zitierte Artikel-Nummern und Fristen sind über die in der Reading List verlinkten Primärquellen zu prüfen. Verbindliche Aussagen zur EUDR-Compliance Ihrer konkreten Lieferkette setzen die Einbindung eines fachkundigen Rechtsbeistandes voraus.

Daten- und Lizenz-Hinweise

Die Auswertung kombiniert mehrere externe Datenebenen, deren Lizenzen unterschiedliche kommerzielle Nutzungs-Bedingungen haben. Die genauen Lizenz-Texte, die Spielräume zwischen freier Nutzung und kommerzieller Restriktion und die jeweiligen Klärungs-Adressen sind im Companion Repository eudr-risk-pipeline in der README.md und in jedem data/runs/<datum>/README.md dokumentiert. Wer die Methodik auf eigene Daten anwendet oder Ergebnisse weiterverbreitet, sollte diese Hinweise vor jeder Veröffentlichung lesen.
Independent Reviewer: noch ausstehend (externe Person außerhalb des myBytes-Umfelds wird noch benannt). 48-Stunden-Cool-Down vor Veröffentlichung. Companion Repository: github.com/myBytesResearch/eudr-risk-pipeline. Diese Version: Draft v1.0, der Truth-Check der Schritte 1-7 ist noch nicht vollständig abgeschlossen und wird vor Veröffentlichung dokumentiert.