Generative KI
KI-Slop: warum das Netz gerade vermüllt
Herkunft des Begriffs, belegte Beispiele und die Muster, an denen Sie massenhaft generierte Inhalte erkennen.
KI-Slop ist massenhaft mit generativer KI erzeugter Inhalt, der ohne menschliche Prüfung veröffentlicht wird und allein auf Reichweite zielt: auf Klicks, Werbeerlöse und Sichtbarkeit in Suchmaschinen. Der Begriff beschreibt damit weniger eine Technik als eine Praxis, nämlich das Veröffentlichen ohne Auswahl, ohne Prüfung und ohne Verantwortung.
Im Englischen heißt das Phänomen AI Slop, gemeint ist dasselbe. Wer im Sommer 2026 Suchergebnisse durchsieht, in sozialen Netzwerken liest oder einen Online-Buchladen öffnet, begegnet diesem Material täglich. Dieser Artikel ordnet ein, woher der Begriff kommt, welche Erscheinungsformen dokumentiert sind, warum die Flut ökonomisch folgerichtig ist und woran Sie KI-generierte Inhalte erkennen. Er erklärt dabei bewusst nicht jeden KI-Einsatz zum Problem, denn genau diese Unterscheidung entscheidet über den Wert des Begriffs.
Woher der Begriff kommt
Slop bezeichnet im Englischen wässrigen Küchenabfall, wie er an Schweine verfüttert wird. Auf KI übertragen wurde das Wort zuerst in Foren: Um 2022 kursierte es auf 4chan und Hacker News als abschätzige Bezeichnung für generierte Bilder (Überblick bei Wikipedia). Den Sprung in die Breite schaffte es im Mai 2024, als der Programmierer Simon Willison dafür warb, slop so zu verwenden, wie sich einst spam für unerwünschte E-Mails durchgesetzt hatte: als Sammelwort für unerwünschte KI-Inhalte (Willison, 08.05.2024). Seine Abgrenzung ist bis heute die brauchbarste. Slop ist demnach, was gedankenlos erzeugt und Menschen vorgesetzt wird, die nie danach gefragt haben.
Der Begriff hat sich seitdem etabliert. Merriam-Webster kürte slop zum Wort des Jahres 2025, im Januar 2026 traf die American Dialect Society dieselbe Wahl. Wer also fragt, was KI-Slop ist, bekommt eine kurze Antwort: die industrielle Massenware unter den Inhalten, erkennbar weniger am Werkzeug als am fehlenden Absender, der für den Inhalt einsteht.
Vier dokumentierte Erscheinungsformen
Content-Farmen im Suchindex
Die Analysefirma NewsGuard zählt Websites, die sich als Nachrichtenangebote ausgeben, ihre Artikel aber überwiegend maschinell und ohne redaktionelle Aufsicht erzeugen. Beim Start der Zählung im Mai 2023 standen 49 Seiten auf der Liste, im Juni 2026 waren es 3.749 in 16 Sprachen (NewsGuard AI Tracking Center). Diese Seiten leben von programmatischer Werbung. Das Anzeigenbudget fließt, solange irgendjemand klickt, und der nächste Artikel kostet in der Erzeugung fast nichts.
Die Bücherflut
Das Science-Fiction-Magazin Clarkesworld schloss im Februar 2023 seine Einreichungen, ein bis dahin beispielloser Schritt. Von rund 1.200 eingereichten Kurzgeschichten in jenem Monat stufte Herausgeber Neil Clarke etwa 500 als maschinell erzeugt ein (NPR, 24.02.2023). Im September 2023 begrenzte Amazon die Zahl der Bücher, die ein Autorenkonto pro Tag über Kindle Direct Publishing veröffentlichen darf, auf drei und verwies dabei auf die Zunahme KI-generierter Titel (Gizmodo, September 2023). Dass ein solches Tageslimit überhaupt nötig wurde, beschreibt das Problem genauer als jede Quote.
Bilder als Reaktionsköder
Forscher des Stanford Internet Observatory und der Georgetown University untersuchten in einer im März 2024 vorgelegten Studie über 100 Facebook-Seiten, die in hoher Taktung KI-Bilder veröffentlichten: Kinder vor angeblich selbstgemalten Werken, Blockhütten, Geburtstagstorten und als bekanntestes Beispiel ein aus Krustentieren zusammengesetzter Jesus, der als Shrimp Jesus in die Netzgeschichte einging (DiResta, Reddy und Goldstein in The Conversation, 24.04.2024). Die Bildunterschriften forderten gezielt Reaktionen ein, etwa das Werk einer vermeintlichen Hobbymalerin zu bewerten. Hinter den Seiten fanden die Autoren drei Motivlagen: Reichweitenaufbau für spätere Vermarktung, gekaperte Seiten als Vehikel für Betrugsmaschen und schlichte Werbeerlöse.
Gleichförmige Beiträge in sozialen Netzwerken
Die vierte Form lässt sich schlechter vermessen, weil sie sich unter gewöhnliche Beiträge mischt: strukturgleiche Texte in Berufsnetzwerken, generierte Antworten in Kommentarspalten, dieselben Formulierungsmuster in tausendfacher Variation. Belastbare Zahlen zu diesem Bereich gibt es bislang kaum, deshalb führen wir ihn hier als Beobachtung und stützen keine Statistik darauf. Das Muster dahinter ist trotzdem dasselbe wie bei den drei messbaren Formen: Menge ersetzt Auswahl.
Warum die Flut gerade jetzt kommt
Die Erklärung ist ökonomisch unspektakulär. Die Kosten, einen Text oder ein Bild zu erzeugen, sind mit generativer KI auf nahe null gefallen. Die Kosten, denselben Inhalt zu prüfen, sind geblieben. Solange Produktion teuer war, wirkte sie als natürlicher Filter, denn wer Geld und Arbeitszeit investierte, überlegte vorher, ob sich der Inhalt lohnt. Dieser Filter ist weggefallen, und mit ihm kippt das Verhältnis von Angebot und Aufmerksamkeit.
Dazu kommt die Verteillogik der Plattformen. Empfehlungssysteme spielen zunehmend Beiträge von Absendern aus, denen man nie gefolgt ist, und Monetarisierungsprogramme vergüten Reaktionen. Die Facebook-Studie von DiResta, Reddy und Goldstein zeigt, wie Seitenbetreiber genau diesen Kanal bedienen: Das generierte Bild ist der Köder, die Reaktion die Währung, der Verkauf oder die Anzeige der Erlös. Slop ist in dieser Kette kein Unfall, sondern ein Geschäftsmodell.
KI-generierte Inhalte erkennen
Es gibt bekannte Marker. Bei Bildern sind es der wächserne Glanz, zerfließende Schrift im Bild und physikalisch unstimmige Details. Bei Texten sind es symmetrische Aufzählungen im Übermaß, Floskelketten, austauschbare Beispiele und Behauptungen, zu denen sich keine Quelle finden lässt. Diese Marker taugen als erster Verdacht, und sie taugen immer weniger als Beweis. Jede Modellgeneration räumt einen Teil davon ab; die berüchtigten falschen Hände etwa sind weitgehend Vergangenheit. Wer sich auf eine Checkliste von gestern verlässt, erkennt den Slop von morgen nicht.
Verlässlicher als jeder Einzelmarker ist deshalb das Bündel aus drei Fragen: Häufen sich mehrere Marker im selben Inhalt? Lassen sich die konkreten Angaben, Namen und Quellen unabhängig bestätigen? Und steht ein identifizierbarer Absender mit seinem Namen für den Inhalt ein? Ein Inhalt, der alle drei Prüfungen besteht, verdient Vertrauen, gleichgültig, welches Werkzeug bei der Erstellung half.
Damit ist auch die wichtigste Abgrenzung markiert. KI-Beteiligung allein macht einen Inhalt nicht zu Slop; ein Text, den ein Mensch beauftragt, geprüft und verantwortet hat, bleibt ein kuratierter Text. Nicht die Generierung macht den Slop, sondern die fehlende Kuration. An dieser Formel lässt sich fast jeder Grenzfall entscheiden.
Die Antwort des Gesetzgebers
Der europäische Gesetzgeber hat auf die Entwicklung reagiert. Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689, besser bekannt als AI Act, verpflichtet Anbieter generativer Systeme ab dem 2. August 2026, KI-erzeugte Inhalte maschinenlesbar zu markieren; bestimmte Inhalte, darunter Deepfakes, sind zusätzlich sichtbar offenzulegen. Für Systeme, die vor dem Stichtag auf dem Markt waren, gilt eine Übergangsfrist bis zum 2. Dezember 2026. Wen die Pflichten im Einzelnen treffen, welche Ausnahmen gelten und wie eine praxistaugliche Umsetzung aussieht, behandelt ein eigener Artikel in dieser Reihe.
Dieser Abschnitt ist eine redaktionelle Zusammenfassung und keine Rechtsberatung.
Das Gegenmodell: Kuration
Wenn Erzeugung nichts mehr kostet, wird das Knappe wertvoll, und knapp ist die Kuration: die Auswahl, die Prüfung, der Absender, der mit seinem Namen einsteht. Derselbe Qualitätsdiskurs läuft derzeit innerhalb der Unternehmen, dort unter dem Stichwort Projektmethodik. Wo die Prüfroutine fehlt, entsteht Ausschuss, im Netz wie im Pilotprojekt; die Parallelen zeigt unsere Analyse, warum 95 Prozent der GenAI-Pilotprojekte scheitern.
Zur Kuration gehört auch, den eigenen KI-Einsatz offenzulegen, bevor es jemand anderes tut.
Wer eigene KI-Bilder von sich aus sichtbar machen will: KI-Bilder kostenlos im Browser kennzeichnen.Die Bilder werden dabei nicht hochgeladen, die Verarbeitung läuft lokal im Browser. Sichtbare Herkunftsangaben sind der Teil der Kuration, den der Leser sofort sieht, und genau darin liegt ihr Wert: Sie trennen den geprüften Inhalt vom Strom der ungeprüften.
Leseliste
- Simon Willison, Slop is the new name for unwanted AI-generated content, 08.05.2024 - der Blogeintrag, der den Begriff geprägt hat.
- American Dialect Society, 2025 Word of the Year is "slop", Januar 2026 - die Wahl zum Wort des Jahres.
- Merriam-Webster, Word of the Year 2025 - die Wörterbuch-Perspektive auf slop.
- NPR, Sci-fi magazine Clarkesworld stops submissions, 24.02.2023 - der Fall Clarkesworld mit den Einreichungszahlen.
- Gizmodo, Amazon Restricts Authors to Self-Publishing Three Books a Day, September 2023 - das KDP-Tageslimit.
- DiResta, Reddy und Goldstein, From shrimp Jesus to fake self-portraits, The Conversation, 24.04.2024 - die Facebook-Studie hinter dem Shrimp Jesus.
- NewsGuard, AI Tracking Center - der laufende Zähler der KI-Content-Farmen.
- Verordnung (EU) 2024/1689, Artikel 50, EUR-Lex - der Gesetzestext zu den Transparenzpflichten.
Zugehörige Artikel
- GenAI-Pilotprojekte und die Methodik des Scheiterns - derselbe Qualitätsdiskurs, verlagert in das Innere der Unternehmen.
Über den Autor
Guido Winger arbeitet bei myBytes daran, dass veröffentlichte Aussagen einer Prüfung standhalten. Mehr zur Arbeitsweise: KI-Beratung für den Mittelstand.