Phase 04 des Data Science Lifecycle

Explorative Datenanalyse:
Aus Daten werden intelligente Modelle

Explorative Datenanalyse ist Phase 4 des Data-Science-Prozesses: Muster, Zusammenhänge und Ausreißer sichtbar machen, bevor ein Modell trainiert wird. Danach entwickeln, trainieren und optimieren wir Machine-Learning-Modelle, die Ihre Geschäftsfragen beantworten können.

Explorative Datenanalyse

Was explorative Datenanalyse ist - und was sie nicht ist

Explorative Datenanalyse, kurz EDA, ist das systematische Ansehen eines Datensatzes vor der Modellierung: Verteilungen, Zusammenhänge, Ausreißer und Lücken werden sichtbar gemacht, bevor ein Modell die Frage beantworten soll. Sie sehen den Datensatz an, bevor Sie ihm die Frage stellen. Der Begriff stammt von John W. Tukey, der 1977 in seinem Buch „Exploratory Data Analysis" die Haltung dahinter beschrieben hat: erst schauen, dann rechnen; Grafiken vor Hypothesentests, der Median vor dem Mittelwert, wenn die Verteilung schief ist, und die Bereitschaft, den Datensatz so zu nehmen, wie er ist.

Drei Disziplinen werden dabei regelmäßig verwechselt:

VergleichDeskriptive StatistikExplorative DatenanalyseInferenzstatistik
ZweckDaten zusammenfassenMuster, Auffälligkeiten und Hypothesen findenHypothesen prüfen und auf die Grundgesamtheit verallgemeinern
Typische MittelMittelwert, Median, Streuung, HäufigkeitenHistogramm, Boxplot, Streudiagramm, Korrelationsmatrix, ZeitreihenplotKonfidenzintervalle, Signifikanztests, Prüfung der Modellannahmen
ErgebnisKennzahlenHypothesen, offene Fragen, Entscheidungen für die AufbereitungAussagen mit ausgewiesener Unsicherheit
Im Projekterster BerichtPhase 4, vor dem ModellPhase 5, Modellvalidierung

Zwei Abgrenzungen sind für Ihr Projekt wichtig. Erstens die zu Phase 2: In der Datenakquise prüfen wir per Datenexploration, ob ein Datensatz überhaupt trägt. In Phase 4 steht fest, dass die Daten tragen; jetzt geht es darum, welche Frage sie beantworten können. Zweitens die zur Inferenz: Ein Muster, das in der explorativen Datenanalyse auffällt, ist eine Hypothese und kein Beweis. Ob es hält, entscheidet erst die Validierung auf Daten, die das Modell nie gesehen hat.

Datenexploration in Phase 2
EDA Methoden

Die vier Fragen der EDA

Jede explorative Datenanalyse, die wir durchführen, beantwortet dieselben vier Fragen. Die Beispiele stammen aus unseren Research-Artikeln; jeder hat ein offenes Companion-Repository zum Nachrechnen.

Verteilung (Histogramm, Boxplot)

Wie ist jede Variable verteilt? Ein Histogramm zeigt Schiefe, Deckelung und Mehrgipfligkeit, die ein Mittelwert versteckt. Bei 65.290 Amazon-Bewertungen lag der Durchschnitt bei 4,29 Sternen, der Median bei 5: Fünf Sterne dominieren, und jede Trefferquote sieht dadurch besser aus, als sie ist. Was im Projekt daraus folgt: Zielvariable transformieren oder Kennzahl wechseln, bevor das erste Modell läuft.

Zusammenhang (Korrelationsmatrix, Streudiagramm)

Welche Variablen erzählen dasselbe? Im Boston-Housing-Datensatz korrelieren Steuersatz und Autobahnanbindung mit 0,91, faktisch eine Information, zweimal gemessen. Was im Projekt daraus folgt: Ein Merkmal fliegt heraus, sonst rechnet das Modell doppelt.

Ausreißer und Lücken (Boxplot, Zeitreihenplot)

Wo fehlen Werte, wo liegen Extreme? Bei 1.898 Bestellungen einer Lieferplattform waren 736 unbewertet, 38,78 Prozent. Jede Aussage über Zufriedenheit steht damit auf einer Stichprobe, die sich selbst ausgewählt hat. Was im Projekt daraus folgt: Fehlende Daten sind ein Befund, kein Fußnotenproblem.

Hypothese (Vergleich von Gruppen über die Zeit)

Welche Frage lohnt ein Modell? Derselbe Lieferdatensatz zeigte werktags 28,34 Minuten Lieferzeit, am Wochenende 22,47. Zwei Analysten lasen daraus zwei gegensätzliche Empfehlungen: Nachfragepotenzial oder Betriebsproblem. Was im Projekt daraus folgt: Die EDA liefert die Hypothese, nicht die Entscheidung. Die Annahme über die Ursache gehört offengelegt, bevor ein Modell sie festschreibt.

Zwei Analysten, ein Datensatz: wo die Zahlen gleich bleiben und die Empfehlungen auseinandergehen
EDA Beispiel

Explorative Datenanalyse am Beispiel: drei Befunde vor dem Clustering

Ein Händler bespielt Web, Katalog und Filiale mit Kampagnen für sechs Produktkategorien und erreicht Akzeptanzquoten von 1 bis 15 Prozent, weil jeder Kunde gleich behandelt wird. Der Datensatz: 2.240 Kunden mit 26 Merkmalen, darunter Demografie, Ausgaben je Kategorie, Kanalverhalten und die Reaktion auf fünf Kampagnen. Es gibt kein Ziellabel. Ein Modell soll Struktur finden, nicht vorhersagen. Bevor ein Verfahren gewählt wird, muss deshalb klar sein, welche Merkmale überhaupt Verhalten beschreiben und welche nur die Person.

Zuerst die explorative Datenanalyse. Beim Einkommen fehlten Werte, sie wurden durch den Median ersetzt; ein Extrem-Ausreißer wurde entfernt, 2.232 Kunden blieben. Drei Befunde trugen die weitere Arbeit:

  1. Das Einkommen ist der stärkste Ausgabentreiber.
  2. Wein und Fleisch machen rund 75 Prozent der Ausgaben aus.
  3. Kinder im Haushalt senken die Premium-Ausgaben deutlich.

Was daraus für das Modell folgte: Ins Clustering gingen 17 Verhaltensmerkmale, die Demografie diente nur der Profilbildung. Fünf Verfahren traten gegeneinander an; gewählt wurde nicht das mit der höchsten Kennzahl, sondern das, dessen drei Segmente zwei weitere Verfahren reproduzierten. Die Hypothese aus der explorativen Datenanalyse, dass das Verhalten die Kunden trennt und nicht die Demografie, wurde so zur Entscheidung über das Modell. Welche Segmente das sind und was die Kampagnenrechnung darauf aufbaut, steht im Artikel.

Kundensegmentierung mit Clustering
Machine Learning Modellierung

Systematische Modellentwicklung

Modellierung ist ein strukturierter Prozess. Wir finden die beste Lösung für Ihren Anwendungsfall.

Algorithmenwahl

Systematischer Vergleich geeigneter Ansätze für Ihren Anwendungsfall.

Optimierung

Gezielte Modelloptimierung für bestmögliche Leistung.

Iterative Verbesserung

Nachvollziehbare Experimente und systematische Analyse.

Machine Learning Modelle

Von der EDA zum Modell: Algorithmenwahl und Baseline

Am Ende der explorativen Datenanalyse stehen eine Hypothese und die Antwort auf eine Vorfrage, die die Algorithmenwahl weitgehend festlegt: ob es eine Zielvariable gibt.

  • Es gibt eine Zielvariable, und sie ist eine Kategorie: Klassifikation. Ob ein Reifen in vier Wochen fällig ist, ob eine Sitzung mit einer Bestellung endet.
  • Es gibt eine Zielvariable, und sie ist eine Zahl: Regression. Der Hauspreis, das Auftragsvolumen des nächsten Monats.
  • Es gibt keine Zielvariable: unüberwachtes Lernen. Clustering, wenn Sie Gruppen suchen, Anomalieerkennung, wenn Sie Abweichungen suchen.

Vor dem ersten Machine-Learning-Modell rechnen wir die einfachste denkbare Vorhersage, die Baseline: den Mittelwert, den Vorjahreswert, die Faustregel des Fachbereichs. Ein Modell, das diese Referenz nicht schlägt, ist kein Modell. Die Baseline schützt außerdem vor einer zweiten Falle, der Vorhersage, die das Ergebnis nur nacherzählt. Ein Gradient-Boosting-Modell erreichte auf Shop-Daten eine AUC von 0,961, ein Trennschärfe-Maß, bei dem 1 perfekt und 0,5 Zufall ist, bis sich zeigte, dass der Warenkorb am Sitzungsende das Ergebnis fast schon verrät; ohne die Warenkorb-Merkmale blieben 0,860.

Conversion-Modelle und Leakage

Drei Familien von Machine-Learning-Algorithmen decken die meisten Projekte ab:

  • Lineare Modelle gewinnen, wenn die Zusammenhänge annähernd linear sind und Erklärbarkeit zählt. Auf dem Boston-Datensatz erklärt eine lineare Regression mit acht Merkmalen rund 77 Prozent der Varianz, und jede ihrer vier Annahmen wurde geprüft, nicht vorausgesetzt.
  • Baum-Ensembles wie Random Forest und Gradient Boosting gewinnen auf Tabellendaten mit gemischten Merkmalen und mittlerer Größe. Ein Benchmark über 45 Tabellendatensätze zeigt, dass sie bei rund 10.000 Beobachtungen tiefen neuronalen Netzen weiterhin überlegen sind.
  • Neuronale Netze gewinnen bei Sequenzen, Bildern und Text und bei sehr großen Datenmengen: Zeitreihen über viele Kunden gleichzeitig, Fotos, Freitext.
Wir setzen keine LLMs ein, wo XGBoost ausreicht. Wir trainieren kein neuronales Netz, wo ein lineares Modell schneller bessere Ergebnisse liefert. Die Architektur folgt den Daten und dem Problem, nicht dem Hype. Und manchmal folgt aus der explorativen Datenanalyse, dass kein Modell nötig ist: wenn die Kennzahl die Entscheidung bereits trägt, wenn die Faustregel des Fachbereichs die Baseline ist, die kein Modell schlägt, oder wenn 38,78 Prozent unbewertete Bestellungen zuerst eine Aussage über die Datenerhebung sind. Dann sagen wir das, und die Phase endet mit einem Bericht statt mit einem Modell.
Amazon-Produktempfehlungen: welches Verfahren wann gewinnt Auftragsvolumen prognostizieren
Hyperparameter Tuning

Modelltraining und Hyperparameter-Tuning

Jedes Modelltraining beginnt mit der Aufteilung der Daten in drei Teile: Trainingsdaten, aus denen das Modell lernt, Validierungsdaten, an denen die Hyperparameter gewählt werden, und Testdaten, die genau einmal am Ende angefasst werden. Der Schnitt muss der Wirklichkeit folgen. Bei Sitzungsdaten teilen wir entlang der Sitzung, im Conversion-Beispiel die älteren 80 Prozent der Sitzungen ins Training und die neueren 20 Prozent in den Test; bei Zeitreihen teilen wir entlang der Zeit. Wer Zeilen zufällig verteilt, hat dieselbe Sitzung auf beiden Seiten, und das Modell lernt die Antwort auswendig. Warum die Testdaten bis zum Schluss unberührt bleiben, erklärt der Train-Test-Split in Phase 5.

Hyperparameter sind die Einstellungen, die ein Modell nicht selbst lernt: die Tiefe eines Baums, die Lernrate, die Stärke der Regularisierung. Grid Search probiert alle Kombinationen eines vorgegebenen Rasters aus. Random Search zieht zufällige Kombinationen und findet gute Bereiche schneller. Bayessche Optimierung nutzt die bisherigen Läufe, um den nächsten Versuch gezielt zu wählen. Der Gewinn fällt in unseren Beispielen bescheiden aus und ist trotzdem messbar: Auf den Amazon-Daten senkte Grid Search den mittleren Vorhersagefehler (RMSE) eines nachbarschaftsbasierten Verfahrens von 1,0012 auf 0,9527 und den der Matrix-Faktorisierung von 0,8882 auf 0,8822.

Ob ein Modell auswendig gelernt hat, zeigt der Vergleich der Datenteile: Beim Boston-Modell lag das Bestimmtheitsmaß R² auf den Testdaten (0,7725) minimal über dem Trainingswert (0,7672). Wie die Kreuzvalidierung dieses Bild präzisiert, gehört in Phase 5.

Hauspreis-Regression: was ein R² von 0,77 wirklich aussagt

Je Lauf protokollieren wir, was ein Dritter zur Wiederholung braucht: Datenversion, Zufalls-Seed, Aufteilung, Parameter, Metriken je Datenteil und Code-Stand. In der Experiment-Dokumentation steht deshalb nicht nur, dass Lauf 14 besser war als Lauf 13, sondern warum, und ob der Unterschied die Streuung zwischen den Datenteilen überhaupt übersteigt. Mit dieser Dokumentation geht das Modell in Phase 5, wo es sich gegen Ihre Geschäftskriterien beweisen muss.

Modellvalidierung in Phase 5
Vorgehen im Data-Science-Projekt

Unser Vorgehen

01

Baseline & Referenzwerte

Einfache Referenzmodelle als realistischer Ausgangspunkt.

02

Experimentdesign

Systematisch geplante, dokumentierte und reproduzierbare Experimente.

03

Modellentwicklung

Iterativer Vergleich verschiedener Ansätze für Ihre Fragestellung.

04

Optimierung

Top-Kandidaten werden auf geschäftsrelevante Metriken optimiert.

Data-Science-Deliverables

Typische Ergebnisse

Trainierte und optimierte Modelle
Nachvollziehbare Experiment-Dokumentation
Analyse der wichtigsten Einflussfaktoren
Modellvergleich und Empfehlung

Häufige Fragen zur explorativen Datenanalyse

Was ist explorative Datenanalyse (EDA)?

Explorative Datenanalyse ist das systematische Ansehen eines Datensatzes vor der Modellierung: Verteilungen, Zusammenhänge, Ausreißer und Lücken werden mit Grafiken und robusten Kennzahlen sichtbar gemacht. Der Begriff geht auf John W. Tukey (1977) zurück. Ergebnis sind Hypothesen und Entscheidungen für die Aufbereitung, kein Beweis.

Welche Methoden gehören zur explorativen Datenanalyse?

Histogramme und Boxplots für Verteilungen, Streudiagramme und Korrelationsmatrizen für Zusammenhänge, Zeitreihenplots für Verläufe und Brüche, Gruppenvergleiche für Hypothesen. Dazu robuste Kennzahlen wie Median und Quartile, die Ausreißer nicht verzerren. In Projekten ergänzen wir die Prüfung fehlender Werte, weil Lücken selbst ein Befund sind.

Was ist der Unterschied zwischen explorativer und deskriptiver Statistik?

Deskriptive Statistik fasst Daten in Kennzahlen zusammen: Mittelwert, Streuung, Häufigkeiten. Explorative Datenanalyse nutzt diese Kennzahlen, sucht aber darüber hinaus nach Mustern, Auffälligkeiten und Fragen, die vorher niemand gestellt hat. Deskriptiv beschreibt, was ist; explorativ fragt, was dahintersteckt und ob sich ein Modell lohnt.

Wann setzt man explorative Datenanalyse ein?

Immer vor dem ersten Modell, also in Phase 4 des Data-Science-Prozesses, nachdem die Daten in Phase 3 aufbereitet wurden. Außerdem bei jeder neuen Datenquelle, nach jedem Systemwechsel und wenn ein Modell im Betrieb schlechter wird. Bei der Lieferplattform blieb die Arbeit bewusst bei der explorativen Datenanalyse: Die Entscheidung hing an einer Annahme über den Engpass, nicht an einer Vorhersage.

Wie wählt man den richtigen Machine-Learning-Algorithmus?

Zuerst nach der Zielvariable: Kategorie bedeutet Klassifikation, Zahl bedeutet Regression, keine Zielvariable bedeutet Clustering oder Anomalieerkennung. Dann nach den Daten: Tabellen mit gemischten Merkmalen sprechen für Baum-Ensembles wie Gradient Boosting, Sequenzen, Bilder und Text für neuronale Netze, lineare Zusammenhänge mit Erklärungsbedarf für lineare Modelle. Immer gegen eine Baseline.

Was ist Hyperparameter-Tuning?

Hyperparameter sind Einstellungen, die ein Modell nicht selbst lernt, etwa Baumtiefe oder Lernrate. Tuning heißt, diese Einstellungen systematisch auf Validierungsdaten zu suchen, per Grid Search, Random Search oder Bayesscher Optimierung. Der Gewinn ist oft klein, aber messbar; im Amazon-Beispiel sank der RMSE eines Verfahrens von 1,0012 auf 0,9527.

Wie lange dauert das Training eines Modells?

Das reine Rechnen dauert bei Tabellendaten Minuten bis Stunden, bei tiefen Netzen auf großen Datenmengen Tage. Die Kalenderzeit bestimmt die Zahl der Experimente: Baseline, Vergleich der Verfahren, Tuning, Kreuzvalidierung. Die Dauer von Phase 4 hängt deshalb von Datenumfang und Fragestellung ab; die Zahl der Experimente bestimmt sie stärker als die Rechenzeit.

Lassen Sie uns über Ihr Projekt sprechen

Jedes Projekt ist einzigartig. Schildern Sie uns Ihre Herausforderung.

Kostenloses Erstgespräch buchen